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01.03.2017

Martin Schulz beim SPD-Filmabend "Der Himmel wird warten"

Photothek

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Genossinnen und Genossen, liebe Filmfreunde,

vielen Dank Katarina Barley für die wirklich freundlichen Worte und vielen Dank an Shelly Kupferberg für die Begrüßung. Auch ich möchte Sie heute Abend alle ganz herzlich zum 14. SPD Filmabend zur Berlinale im Willy–Brandt-Haus willkommen heißen.

Natürlich gilt mein ganz besonderer Gruß unseren beiden Ehrengästen aus Frankreich, den beiden Hauptdarstellerinnen des Films „Der Himmel wird warten“, Noémie Merlant und Naomie Amarger.

Chère Noémie, chère Naomie, un très grand merci d’avoir accepté notre invitation.

Liebe Katarina, du hast es schon erwähnt. In den letzten zwei Wochen haben mich viele Menschen von einer neuen Seite kennengelernt und dabei erfahren, dass mir vor allem die Literatur viel bedeutet. Die Literatur und der Film, das Theater und die Malerei, die Bildhauerei, der Tanz und die Fotografie, das alles sind Resonanzböden unseres wirklichen Lebens.

Wir leben und bedürfen der Reflektion unseres Lebens. Und das Ergebnis dieser Reflektion, das was von diesen Resonanzböden zurückkommt, fließt wiederum in unser eigenes Leben ein.

Unser Leben ist also Kultur.

Für mich hat kaum jemand das so verdeutlicht wie der große Gabriel García Márquez, der seinen leider unvollendeten Memoiren den Titel gegeben hat: „Leben, um davon zu erzählen“.

Was viele noch nicht wissen ist, dass mir nicht nur Bücher wichtig sind, die in besonderer Weise, aber ich bin auch ein großer Filmliebhaber. Und da heute Abend der Film im Mittelpunkt steht, gestatten Sie mir, dass ich über Filme rede, die in meinem Leben eine besondere Rolle gespielt haben und die mich stark geprägt haben. Ich will drei davon erwähnen:

• Zunächst die US-amerikanische Produktion „Das Geisterhaus“, die Verfilmung des ersten Romans der chilenischen Autorin Isabel Allende, ein wunderbarer Film mit Jeremy Irons und der wunderbaren Meryl Streep in den Hauptrollen. Selten habe ich einen Roman so gut in einem Film wiedererkannt. Wer sich diesen Film ansieht und den Roman nicht gelesen hat, wird dennoch in die Tiefe Lateinamerikas, der Kultur dieses Kontinents und insbesondere seiner Literatur eintauchen können. Eine Literatur die nebenbei bemerkt leider in Europa immer noch viel zu sehr unterschätzt wird.

• Ein anderer Film, der mich tief bewegt hat, ist der französische Film „Armee im Schatten“ - „L’armée des ombres“ - von Jean-Pierre Melville, ein Film aus den frühen 70er Jahren mit Lino Ventura und Simone Signoret in den Hauptrollen. Es ist die Geschichte einer Zelle der Résistance, einer Zelle, die sich entscheiden muss. Die sich entscheiden muss, was stärker ist: der unbedingte Wille zum Widerstand gegen die Nazi-Herrschaft (in diesem Film ist es Klaus Barbie, der Schlächter von Lyon, der eine zentrale Rolle spielt), der unbedingte Wille zum Widerstand, ein Wille, der auch vor dem Mord am eigenen Mitstreiter nicht zurückschreckt. Es geht darum, dass sich die Zelle darauf verständigt, wenn einer von uns der Gestapo in die Hände zu fallen droht und droht, der Folter nicht standzuhalten, dann haben die anderen die Pflicht, ihn zu erschießen. Der Wahl zwischen diesem Vorgehen oder der Bewahrung der eigenen Moral und Ethik.

• Und der dritte Film, den ich erwähnen will, ist „Aus einem deutschen Leben“, die Biographie des Ausschwitz-Kommandanten Rudolf Höß, gespielt von einem herausragenden Götz George, der uns letztes Jahr leider viel zu früh verließ. Ein Film, der das Leben dieses Mannes, Rudolf Höß, nachzeichnet. Es hat mich tief erschüttert, wie dieser Film die Extreme der menschlichen Widersprüchlichkeit in Höß aufzeigt: am Tage ein Massenmörder und kalter Dirigent einer Tötungsmaschinerie und am Abend, wenn die Haustür ins Schloss fällt, ein liebender Familienvater und Ehemann.

Sicher hat jeder von ihnen hier im Publikum eine ganz persönliche und andere Liste seiner Lieblingsfilme, doch was all unseren Listen wahrscheinlich gemeinsam ist, dass sie, genau wie Bücher, Geschichten erzählen die zu uns sprechen, die uns direkt adressieren. Geschichten die uns aufwühlen, die uns berühren und die uns zum Nachdenken anregen, zur Diskussion, Halt zur Reflexion über das Aufgenommene und die Elemente des Aufgenommenen, die sich in unserem eigenen Leben wiederfinden. Und da unser eigenes Leben und jedes individuelle in unserem eigenen Leben ein Teil des gesamtgesellschaftlichen ist, ist das, was aus einem Film oder einem Buch zu uns dringt und von uns aufgenommen und mitgenommen wird in die Gesellschaft, Politik.

Und deshalb kann ich nicht verstehen, warum sich die Berlinale jedes Jahr wieder den Vorwurf machen lassen muss, sie sei ein zu politisches Festival.

Was falsch daran ist, wenn uns Filme vor wichtige gesellschaftspolitische Fragen und Diskussionen stellen, erschließt sich mir nicht. Im Gegenteil. Wir brauchen die Debatte auch im Cineastischen über die Fragen, die uns auch im Alltag bewegen.

Warum braucht es den Kampf gegen rechts, gegen rechte Gewalt, den wieder erstarkenden Nationalismus?

Warum müssen wir dafür sorgen, den Zugang zu Bildung für alle offenzuhalten und niemanden auszuschließen?

Was bedeutet Integration? Warum ist gescheiterte Integration so gefährlich und was können wir, was müssen wir dagegen tun?

Was ist falsch daran, wenn uns Filme die Augen öffnen für die Dinge in unserer Gesellschaft, die wir manchmal nicht sehen, weil wir, auch gerade Politikerinnen und Politiker, möglicherweise oft zu sehr in unseren eigenen Echokammern stecken oder im Trott unserer alltäglichen Routine Dinge übersehen?

Marie-Castille Mention-Schaar ist eine Regisseurin, die es, wie vielleicht keine andere, versteht Risse und Abgründe inmitten unserer Gesellschaften aufzudecken.

Ich hatte das Vergnügen, sie schon 2015 bei der Vorführung ihres Films „Die Schüler der Madame Anne“ kennenzulernen, einem Film der von einer Lehrerin erzählt, die einer Schulklasse in einem französischen Banlieu, die von allen abgeschrieben war, eine Klasse, von der niemand mehr etwas wissen wollte, selbst die Lehrerinnen und Lehrer nicht mehr unterrichten wollten, wie diese Lehrerin dieser Klasse neuen Mut gibt, sie überzeugt und schließlich dazu bringt, Achtung voreinander und Selbstachtung zu haben.

In ihrem neuen Film erzählt sie die Geschichte zweier junger Mädchen, die, obwohl sie in einer scheinbar heilen Welt aufwachsen, den Verführern des sogenannten Islamischen Staates verfallen.

Sie erzählt, wie Eltern um ihre Kinder kämpfen, wie Freunde und Bekannte fassungslos zurückbleiben. Sie bleiben zurück mit den Fragen des „warum“, des „hätten wir es nicht merken können oder müssen“ und des „wie konnte so etwas geschehen“.

Dieser Film ist keine Fiktion. Es ist real und es ist aktuell. Es ist kein Thema, das Frankreich alleine betrifft, sondern auch uns in Deutschland, es betrifft Europa und die ganze Welt.

Viele der schlimmen Anschläge die uns in den letzten Jahren erschüttert haben wurden von jungen Menschen verübt. Manchmal von jungen Menschen die sich ganz alleine und unbemerkt radikalisiert haben.

Erst am vergangenen Freitag wurde wieder ein geplanter Anschlag im Süden Frankreichs vereitelt. Unter den Verdächtigen ein nur sechzehn Jahre altes Mädchen.

Hier in Deutschland fiel vor wenigen Tagen das Urteil über die Tat eines ebenfalls nur sechzehn Jahre alten Mädchens, das im Namen des sogenannten IS einen Polizisten mit einem Messer attackiert hatte und diesen schwer verletzte.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz schätzte im Januar die Zahl von deutschen islamistischen Gefährdern beziehungsweise solchen, die aus Deutschland in Richtung Syrien oder den Irak ausgereist sind, auf mehr als 900 Personen.

900 Menschen, die sich freiwillig einer Terrororganisation anschließen, die Menschen ermordet, peinigt, versklavt, foltert und schändet in einer nie dagewesenen Brutalität.

Diese Bilanz ist erschütternd.

Aber eines ist auch klar: Radikalisierung kann nur dort geschehen, wo sich Risse und Gräben in unserer Gesellschaft auftun. In Gräben herrscht Dunkelheit. Und das Böse kann nur abseits des Lichts im Dunkeln heranwachsen.

· Es ist dort im Dunkeln, wo der Hass heranwächst bis er ausbricht;

· Es ist dort im Dunkeln, wo Gewalt gelernt wird;

· Und es ist dort im Dunkeln, wo sich Menschen radikalisieren, oft die Jüngsten unter uns, die dann bis zum Äußersten zu gehen bereit sind.

Deshalb ist es unsere Aufgabe, diese Gräben zu schließen. Und wenn wir darüber reden, dass wir Gräben in der Gesellschaft schließen wollen, Brücken bauen wollen, dann ist das unser Ziel, um genau diese Menschen, vor allem die jungen, zurückzuhalten und sie in unserer Gesellschaft zu halten, um Licht in das Dunkel dieser Gräben zu bringen. Und wir alle müssen das gemeinsam tun.

Wir müssen gemeinsam all diejenigen bekämpfen, die gewaltsam daran arbeiten diese Gräben aufzureißen: Die Hassprediger vom rechten Rand dieser Gesellschaft genauso wie die anderen, die vom rechten Rand, die versuchen, uns gegeneinander auszuspielen und Keile in die Gesellschaft zu treiben.

Aber die islamistischen Verführer genauso wie die, die genau darauf setzen, Menschen mit Absicht und Vorsatz und unter dem Vorwand der Religion ins Verderben führen.

Wir dürfen kein Klima des Hasses dulden. Jede einzelne und jeder einzelne von uns ist verpflichtet, da, wo wir mit dem Klima des Hasses konfrontiert sind, Zivilcourage zu zeigen, aufzustehen und „Nein“ zu sagen. Denn nicht nur der Rechtsstaat ist herausgefordert, die Gesellschaft als Ganzes und jede einzelne und jeder einzelne in ihr.

Wir müssen in diesen Zeiten enger zusammenstehen und die Lücken, die es in unserer Gesellschaft gibt, die Lücken zwischen uns schließen. Wir müssen besser aufeinander achten und vor allem auf die Jüngsten unter uns.

Niemand darf im Abseits stehen, ausgegrenzt oder gar diskriminiert werden.

Wir müssen eine Gesellschaft der gelebten Werte sein, nicht eine Gesellschaft der ausgesprochenen, sondern der gelebten Werte. Der gelebten Werte von Freiheit und Gerechtigkeit, Toleranz und Solidarität sind die Basis für eine humane, eine zivile, eine friedliche, eine Gesellschaft in der jede und jeder und vor allen jedes Kind und jeder Jugendliche seinen Platz oder ihren Platz findet.

Diese Werte dürfen nicht nur als Worte da stehen, sie müssen Tag für Tag mit Leben erfüllt werden.

Und deshalb, bei der Beschreibung all der schwierigen Lagen, in denen wir sind, mit denen wir auch als Politikerinnen und Politiker konfrontiert sind, macht mir dennoch Mut. Ich zitiere Frank-Walter Steinmeier: „Ihr macht mir Mut.“ Was mir Mut macht, sind die unzähligen Bürgerinnen und Bürger unseres Landes, die das, was ich gerade beschreibe und fordere, jeden Tag tun: sich zu bekennen, deutlich zu machen, ob sie als Ehrenamtler oder als Freiwillige oder eben auch als Kulturschaffende sich in unserem Land engagieren und bekennen zu den zivilen Werten unserer Demokratie und aufstehen gegen den Hass, die Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit, den Antisemitismus und die Gewalt.

Diese Menschen haben meine Bewunderung und verdienen unseren Dank und unseren Respekt.

Wenn wir uns unterhaken, wenn wir unsere Werte gelebte Wirklichkeit werden lassen, wenn wir – das mag so altbacken klingen, weil wir Sozis das jetzt schon seit 153 Jahren sagen – Seit‘ an Seit‘ schreiten, dann gibt es in unserer Gesellschaft Halt, Halt für jeden einzelnen und jede einzelne. Dann ist niemand alleine oder orientierungslos. Dann schließen wir gemeinsam die Gräben, dann kämpfen wir gegen die Risse und bauen Brücken.

Ich wünsche ihnen heute Abend einen bewegenden Film, eine lebhafte Diskussion im Anschluss und danke ihnen von Herzen für Ihre Aufmerksamkeit.

Mehr zum 14. SPD-Filmabend finden Sie hier