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Stefanie Lemke,
21.06.2018

Bericht vom Jahrestreffen 2018 der Kulturforen in Dessau

Ein Jahr vor dem 100. Geburtstag des Bauhauses war das Ziel der diesjährigen Zusammenkunft aller Kulturforen der Sozialdemokratie in Dessau, auf den Spuren von Walter Gropius, Oskar Schlemmer, Marianne Brandt und Ludwig Mies van der Rohe zu wandern, um sich für eigene Veranstaltungen im kommenden Jubiläumsjahr Anregungen zu suchen und neue Impulse für die tägliche Berufs- wie Politikpraxis zu erhalten.

Die Zeit des Bauhauses war geprägt vom mutigen Erfindergeist und unbändiger Lust, Neues auszuprobieren. Tanz, Malerei, Architektur, Design, aber auch die Art des Lernens, Lebens und Wohnens standen grundsätzlich zur Disposition. Es galt Bestehendes anders zu denken und mutig weiterzuentwickeln. Nicht zuletzt aufgrund der negativen Erfahrungen des ersten Weltkrieges wollte man Antworten auf die Fragen der Zeit finden. Neue interdisziplinäre Antworten.

Der Architekt Walter Gropius gründete das Bauhaus 1919 auch mit dem Ziel, die Lebensverhältnisse der armen Unterschicht ändern zu wollen. Nicht verwunderlich, dass es deshalb zentral um die Frage der „Zugänge“ ging - jede und jeder sollte sich schließlich nach Ansicht der Bauhaus-Verantwortlichen praktische (günstig gefertigte) Alltagsgegenstände ebenso leisten können, wie die eigenen vier Wände und den dazugehörigen Grund und Boden.

Nach der Eröffnung des Jahrestreffens durch den Vorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel erhielt die 40köpfige Delegation durch Beiträge des amtierenden Oberbürgermeisters Peter Kuras und des Historikers Dr. Walter Scheiffele zahlreiche Informationen zum sozialdemokratischen und liberalen Kontext, den das Bauhaus umgab, der Rolle der ansässigen Industrie, den Direktoren und mitwirkenden Künstlerinnen und Künstlern. Es wurde sofort intensiv diskutiert und analysiert, was denn von den damaligen Prozessen auch heute in Gang zu setzen wäre, um Globalisierung, Digitalisierung und Migration zu meistern und den aktuellen Herausforderungen „sozialdemokratisch“ zu begegnen. Viele Themen von damals stehen noch heute im Fokus, wie der Zugang zu Wohnraum, Bildung und Kultur oder dem Sichern guter Arbeits- und Lebensverhältnisse. Die „Werkstatt in der Werkstatt“ war eröffnet und Arne Lietz, der Vorsitzende des Kulturforums der Sozialdemokratie Sachsen-Anhalt, zufrieden, denn genau so hatte er es sich bei der Bewerbung zum Austragungsort Dessau vorgestellt.

Die historischen Erzählungen verdeutlichten, dass vor allem das Zusammenspiel von Politikern, Kulturschaffenden und Industriellen zum großen Erfolg des Bauhauses beigetragen hat und auch heute ein ähnlich konstruktives Miteinander wichtig wäre. 1925 sicherte der SPD-Politiker Heinrich Peus mit dem damaligen Dessauer Oberbürgermeister Fritz Hesse den Fortbestand des Bauhauses, dem nach seiner Schließung in Weimar das Ende drohte und holte es nach Dessau. Mit Hugo Junkers war nicht nur ein engagierter Großindustrieller und Kulturinteressierter an Bord. Dieser profitierte mit seinen Junkers-Werken, die sich zum größten Industrieunternehmen Anhalts entwickelt hatten und mit einem extrem hohen Wohnungsbedarf für die Arbeiter und ihre Familien verbunden waren – vom Bauhaus und seinen neuen Wohn- und Gestaltungskonzepten. Die wiederum profitierten von den neuen Fertigungsweisen und technischen Erfindungen. Die Stadt selbst vertraute und betraute die Bauhäusler in der Folge mit vielen öffentlichen Bauaufgaben. So entstanden von Walter Gropius die Wohnsiedlung Dessau-Törten und das Arbeitsamt, von Hannes Meyer die Laubenganghäuser, die Trinkhalle von Mies van der Rohe und von Carl Fieger das Ausflugslokal Kornhaus.

Alle Bauten prägen das Stadtbild Dessaus in besonderem Maße. Natürlich wurde das Kornhaus im Rahmen des Treffens ebenso besichtigt wie das Bauhaus selbst und die dazugehörigen Meisterhäuser. Alle Dessauer Standorte werden im Jubiläumsjahr zur GRAND TOUR DER MODERNE gehören, der offiziellen Bauhaus-Deutschland-Tour und neben dem Museumsneubau in Dessau zentraler Teil des Programms des Bauhaus Verbundes 2019. Von den vielen konkreten Vorhaben berichteten während der Tagung Dr. Karin Kolb, Leiterin der Kuratorischen Werkstatt an der Stiftung Bauhaus Dessau, Robert Reck, Kulturdezernent Dessau sowie Babette Winter, Staatssekretärin für Kultur und Europa in Thüringen und Mitglied im Kuratorium Bauhaus Verbund 2019.

Das Bauhaus hat nicht nur hierzulande, sondern weltweit Kräfte entfaltet und entfaltet sie noch, trotz Auflösung der Hochschule durch die Nationalsozialisten 1933. Deshalb richtete sich mit der Preview des Films VOM BAUEN DER ZUKUNFT – 100 Jahre Bauhaus der Blick gewollt über den „Tellerrand“ nach Dänemark, Frankreich und Lateinamerika. Die Dokumentation stellt ausgewählte aktuelle Bildungs- und Städtebaukonzepte vor. Schule ohne Klassenzimmer oder Seilbahnen als Zugangsoption zu Arbeit und Krankenversorgung in den brasilianischen Slums wurden kritisch diskutiert und anhand sozialdemokratischer Ansätze hinterfragt. Wie wollen wir Wohnraum zur Verfügung stellen, wenn der Raum in den Städten knapp wird und die Not in Problemvierteln zunimmt? Was soll in den Schulen gelehrt werden, damit unsere Kinder bestmöglich auf die Zukunft vorbereitet werden? Wie gelingt es uns, die ländlichen Räume lebensfähig und lebenswert zu gestalten und die zunehmende Spaltung der Regionen aufzuheben? Welche Möglichkeiten bietet die Digitalisierung für das Erschließen neuer Arbeitswelten, wenn wir zum Broterwerb nicht mehr zwingend in der Stadt leben müssen und auch nicht mehr wollen?

Die Gäste des diesjährigen Jahrestreffens sind mit vielen Ideen und Projekten, aber auch spannenden offenen Fragen zurückgereist. Motiviert, vor Ort noch intensiver an den Themen zu arbeiten und für uns das bestmögliche Morgen zu gestalten. Interdisziplinär und in guter sozialdemokratischer Tradition. Wir danken allen Gästen und den Referentinnen und Referenten für ihre Beiträge zur gelungenen Tagung.

Weiterführende Informationen zum Jubiläumsjahr und dem Bauhaus in Dessau:

https://www.bauhaus100.de

www.bauhaus-dessau.de